Wirtschaftszweige
Im Nachfolgenden werde ich auf die Bewohner unserer Dörfer eingehen, und nicht auf die ansässigen Lehnsherren und Adelige, wie z.b. "Haus Holtwick" oder ähnliches.
Auf dem Dorf gab es je nach Jahreszeit diverse Möglichkeiten, Erträge zu erwirtschaften. Abseits der dörflichen Oberschicht, wie dem Pfarrer, Büttel (eine Art der Gerichtbarkeit und Exekutiven), oder auch dem Bauern, beherbergte die Dorfstruktur viele Gewerke.
Und ja, der "Bauer" war zu der Zeit um 1450 schon zu einem Grundbesitzer aufgestiegen, welcher Mägde und Knechte unter sich hatte, und ein angesehener Mann auf dem Dorf war. Dazu vor allem Rechte inne hatte, an Markttagen in Coesfeld z.B. Waren zu verkaufen.
Wir sprechen hier von jemanden und seiner Familie, der sich nicht vor der städtischen oberen Mittelschicht verstecken musste. Auch in Bereichen wie der Auslebung von seinem Wohlstand. Dass ein Bauer wie ein vollwertiger Stadtbürger durchgehen konnte, stieß in der Stadt entsprechend Sauer auf.
Wie die Stadt ihre Bürgerpflichten hatte, war der Bauer natürlich trotzdem in Bereichen noch Unfrei gegenüber seinem Lehnsherren.



Durch das Einbringen einer Fruchtfolge auf den Ackerflächen und vor allem durch eine der wichtigsten Erkenntnisse/Entdeckungen des Mittelalters, der Dreifelderwirtschaft, konnten kontinuierlich die Ackerflächen bewirtschaftet werden.
Erst dadurch machte es auch für die Dorfbewohner Sinn, überhaupt konstant sesshaft zu werden. Daher wuchsen die Dörfer bis sie ein Selbstversorgendes System wurden.
Mit vielen verschiedenen Arbeitsfelder, auf die wir nun eingehen werden.
Das Bestellen des Ackers, zur Zeit um 1450 erfolgte mit einem modernen Wendepflug, welcher auf einem beräderten Fuhrwerk montiert war. Damit war ein gleichmäßiges Umlegen des Ackerbodens möglich, und durch die Räder, zog sich das Pflugeisen nicht unkontrollierbar in den Erdboden.
Der Bauer konnte das gesamte Fuhrwerk von Ochsen, später auch von Pferden (durch die Einführung eines effektiveren Joch) ziehen lassen. Er musste, durch den etablierten Radpflug anders als in den Anfängen des Mittelalters, nur noch die Spur halten und ggf. die Pflugtiefe durch einen Hebel nachstellen.
Er brauchte nicht mehr mit großem Kraftaufwand den Pflug im Erdreich halten.
Diese Art von Pflug, gibt es sogar noch bei uns in Rosendahl zu bestaunen.
Häufig als Dekoration vor Bauernhöfen eingesetzt. Denn der Pflugtyp wurde in seiner Funktionsweise bis in das frühe 20Jhd. verwendet.
Die beiden oberen Bilder stammen aus Bilderhandschriften des späten 15. Jahrhunderts aus Ulm und aus Schwaben.
Auf einer etwas späteren Malerei sieht man sogar den Einsatz einer von Pferden gezogenen Egge.



Das jeweilige Saatgut wurde dann auf dem vorbereiteten Boden ausgesät.
Mit einer Schlaufenbinde um den Hals Getragen, wirft man eine Handvoll etwas vor und neben sich. Eine Methode welche durch etwas Erfahrung und einem guten Wurf Rhythmus, erstaunlich gleichmäßige Aussaat Ergebnisse erzielt, was ich persönlich bestätigen kann.
Und ebenfalls eine Art des säen, welche der ein oder andere bei uns in Rosendahl vielleicht sogar noch so kennt. Denn daran hat sich bis sogar nach dem zweiten Weltkrieg, nicht viel geändert hat.
Die Bilder stammen aus Buchmalereien, einmal aus Frankreich frühes 16tes Jhd. und einmal aus Deutschland, 14tes Jhd.


Sobald die Ernte anstand, darf davon ausgegangen werden, dass das gesamte Dorf egal welchen Geschlechts, involviert war die Feldfrüchte einzufahren.
Wir nehmen Weizen als Beispiel für den weiteren Prozess.
Das Ernten erfolgte händisch mit Erntesicheln, und das Bündeln zu Bunden wurde direkt am Acker erledigt.
Auf den Auszügen zweier Buchmalereien, die obere eine aus dem Rheinland, ca. 1460 und die untere aus den Niederlanden, frühes 16te Jhd, wird das ganze sehr schön gezeigt.
Bei der oberen aus dem Rheinland, wird auch noch die Heuernte mit einer Sense angedeutet.
Die fertigen Bünde werden dann mit einem Leiterwagen zu dem dörflichen Dreschplatz gefahren, wo das Getreide gedroschen wird.



Sind die Garbe/Getreide Bündel genug getrocknet, wurde mit dem Dreschen begonnen.
Mit Dreschflegeln wurden die Getreidekörner aus den Ähren raus geschlagen, wie hier in Buchmalereien aus dem 14ten bis zum 16ten Jahrhundert zu sehen.
Die Getreidekörner wurden dann in Säcken zu einer Mühle gebracht, um daraus Schrot und Mehl zu mahlen.


Mühlen und die Müller lagen und lebten oft nicht direkt im Dorf.
Aufgrund dem Umstand einer Windmühle, möglichst erhaben zu stehen, war das oft nicht im direkten Dorfumfeld möglich.
Anders Wassermühlen, welche hier bei uns in Rosendahl definitiv der hauptsächliche Mühlort waren.
Siehe die Mühle in Darfeld. Oder auch dass der einzige Flusslauf in Osterwick, "Mühlenbach" heißt.
Trotzdem hielt man die Müller lieber aus dem Kern des Dorfes raus, weswegen auch die Wassermühlen im Außenbereich anzutreffen waren.
Ein Bild aus einer Buchmalerei aus dem späten 15ten Jahrhundert aus Flandern, zeigt eine Wassermühle. Man erkennt gut, dass die Mühle einen eigenen Hof darstellt, welcher nicht direkt in das Dorf eingebunden wurde.
Größere Städte unterhielten sogar eigene Mühlwerke, das heißt mehrere Mühlen die direkt nebeneinander, durch die Stadt an einem Fluss betrieben wurde.
Im mittleren Bild sieht man eine Handschrift aus dem späten 13 Jhd.
Diese Windmühlenform, mit händisch der Windrichtung entsprechend verdrehbaren Mühlgebäude, indem sich das Flügelwerk und der Mühlstein befindet, lässt sich in einem ähnlichen Aufbau z.B. im Museumshof Münster besichtigen.
Im unteren Bild wieder eine Wassermühle aus dem späten 15ten Jhd, Deutschland
Das fertige Produkt wurde dann verkauft, selber weiter verarbeitet oder musste zu einem Teil als Abgabenlast, abgetreten werden.



Die Bockwindmühle auf dem Mühlenhof in Münster, zeigt vom Aufbau und Funktion sehr gut, wie solch eine Windmühle funktioniert hat.
(Bilder: Andre Nürenberg)
Bevor wir uns nun den anderen Gewerken widmen, welche man auf dem Dorf antreffen konnte, verweise ich gerne auf die "Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftung". Darin wird jeder neu aufgenommene Stiftungsbruder, in einem kurzen Portrait vorgestellt. Neben Namen und Alter, wird vorallem sein vorher ausgeübter Beruf gezeigt. Wer einen Querschnit durch die Berufsvielvalt im Mittellater sehen will, sollte sich die digitalisierten Hausbücher nicht entgehen lassen. Teilweise werde ich im nachfolgenden auch auf diese Verweisen.
Wenn im Mittelalter etwas als Verbrauchsgegenstand quer durch alle Stände bezeichnet werden kann, dann das Brennholz.
Zwar wurden in der mittelalterlichen Industrie eher Dinge wie aufwendig hergestellte Holzkohle verwendet, doch wurde jeder Private Ofen und Kamin mit Brennholz beheizt.
Die Brennholzproduktion für die Städte, welche komplett auf die Zulieferung von außerhalb angewiesen waren und die Produktion des Brennholzes für den Eigenbedarf des Dorfes war ein zeitintensives Unterfangen. Entsprechend lukrativ war es für ein Dorf, den Bedarf großzügig zu decken.
Bei uns in Rosendahl durch seine dichten Wälder, auch rund um Varlar, dürfte das eine temporärer nicht zu verachtender Einnahmefaktor für das Dorf gewesen sein.




Der Berufszweig des Gerbers, ist ähnlich wie der Müller, nicht direkt im Dorf anzutreffen.
Da der Prozess des Gerbens von Tierhäuten sehr Geruchsintensiv war, fand man die Gerberhütten nicht unbedingt direkt neben der Dorfkirche, sondern eher weiter außerhalb

Vorallem interessant für die Wintermonate, war das Weben von Stoffen.
Im Rheinland war die Zunft der Stoffweber (Gaffel) äußert mächtig, und konnte so auch den Preis für das Weben von Stoffen regulieren.
Findige Stoffhändler und Produzenten, sind auf die Idee gekommen, Webstühle in die Dörfer zu verlegen, und die dortige Bevölkerung die Stoffe weben zu lassen.
Da das ganze die ersten Anfänge des Verlagswesen waren, konnten diese Städtischen Verleger die Preise vorgeben, und wurde nicht durch die Zünfte (Gaffeln) eingeschränkt.


Ein weiteres Rohmaterial, was in die Städte verkauft wurde, waren ausgenommene und gehäutete Tiere.
Im Dorf war der Fleischhauer (wichtig kein Metzger) für das erlegen und Ausnehmen der Nutztiere zuständig. Die Tierreste konnten Problemlos in der Stadt verkauft werden. Weiter produzierte Produkte wie Würste z.B. durften aufgrund der Zunftauflagen durch die Metzger, nicht vom Dorf aus in die Städte gebracht werden.
Was auf den beiden deutschen Buchmalereien aus der Mitte des 15jhd. zu sehen ist, sind keine Wildschweine. So sahen die ganz normalen, in Masse gehaltenen Schweine aus, was heute unsere bekannten Rosa Schweine wären. Zusätzlich dazu, anders als heute, war Schweinefleisch im Spätmittelalter eher teures Fleisch im Gegensatz zu Rind.

Ein weiteres Verkaufsgut für die Menschen vom Dorf, waren Milch und Milch Erzeugnisse.
Schafskäse, Ziegenkäse, Kuhmilchkäse, Milch als eigenständiges Produkt und Butter.
Diese Sachen wurden in großen Mengen für die Städte hergestellt und/oder in diesen verkauft.
In den Beiden Buchmalereien aus dem Rheinland, um 1450, sieht man oben die Herstellung von Ziegen/Schafskäse, und unten eine Verkaufsabwicklung über eine Buttermenge.
Dazu sieht man in beiden Malereien geziegelte Häuser, was darauf schließen lässt, dass das Geschäft mit der Milch gut läuft
Ebenfalls im Dorf und seinem Umfeld anzutreffen, waren Färberhöfe.
Das Färben von Rohen Stoffen benötigte vorallem Platz und Materialien, welche ohnehin im Umfeld vom Dorf vorhanden waren, bzw. angebaut werden mussten. Der Platz bezieht sich auf die Flächen, wo die gefärbten Stoffbahnen zum trocknen ausgebreitet werden mussten.
Weitere Informationen zum Thema Färben, finden sich im Bereich "Kleidung"


Um diese Seite zum Abschluss zu bringen lässt sich sagen, dass die theoretische Wirtschaftsleitung eines Dorfes der Größe von Holtwick oder Osterwick garnicht so schlecht gewesen wäre.
Problematisch ist der Vertrieb der Waren gewesen. Die Zünfte hatten den Markt in den Städten in der Hand, was den Verkauf von Fertigen Waren nahezu unmöglich machte. Auf dem Dorf gab es zweifelsohne fähige Tischler, Kistner, Schmiede, Schneider, Brauer und weiteres für den täglichen Bedarf. Allerdings verhinderte die fehlende Zunft Zugehörigkeit, dass der große Absatzmarkt mit Blick auf die Wochenmärkte in den Städten ausblieb. Durch Verleger änderte sich das etwas, allerdings konnten diese Preise vorgeben. Dass dadurch der Warenwert welche die Dörfer produzieren , gedrückt wurde, dürfte klar sein. Trotzdem war es gern gesehene Arbeit, um die Wintermonate zusätzliches Geld zu verdienen, auch wenn der Preis schlecht war.
Denn im Mittelalter wurde die Arbeitszeit nicht bezahlt, sondern nur das Material.
