ein blick in den kleiderschrank
Dunkles Mittelalter? Am besten aus Leder gefertigte Kleidung, in einem Braun/schwarzen siffigen Murks gehalten?
Von Wegen! Wir schauen uns hier die Kleidung an, welche man zu der Zeit um 1450 bei uns hier auf den Dörfern lebenden, gut bestellten Handwerker erwarten kann. Die Kleidung ist von Quellen aus dem Rheinland, natürlich Westfalen und dazu nördlicheren Regionen inspiriert. Exakt für das Münsterland, oder besser noch Rosendahl, einen Quellenstamm aufzubauen, ist leider nicht möglich.
Meine eigene hier gezeigte Ausstattung habe ich optisch möglichst nah an den zeitgenössischen Bildnissen orientiert.
Direkt eines Vorweg genommen.
Normale Alltagskleidung war so Aufgebaut, dass ein Obermaterial mit einem Futter versehen wurde. Am gebräuchlichsten ist ein Oberstoff aus Wolle, gefüttert mit Leinen. So wurde auch meine persönliche Kleidung Hergestellt, welche ich weiter unten noch vorstellen werde.
Als Unterkleidung wurden Leibhemdchen und Unterhosen genutzt, ebenfalls aus Leinen. Zusätzlich über dem Leibhemdchen, trage ich eine Weste aus festem Leinen mit frontal verschnürrten V-Ausschnitt, an welchem die Hosen angenestelt werden. Nesteln?
Nesteln sind kleine Schnüre oder Senkel, welche an ihrem Ende Bunt oder Edelmetallspitzen haben.
In dem Kontext eines gut wirtschaftenden Handwerkers auf dem Dorf, hat so etwas wie Seide z.B. nichts zu suchen. Und Leder schonmal drei mal nicht. Die Idee, das Leder zu Kleidungszwecken hier bei uns in Europa verwendet wurde, ist absoluter Quatsch. Dafür ist Leder auch einfach wesentlich zu unpraktisch, teuer und anfällig.
Wollstoff als Obermaterial hält Regen eine Zeitlang vernünftig ab, es wärmt, und durch das leinende Innenfutter Isoliert es sogar zu einem Teil gut im Sommer, was das Tragen sehr angenehm macht. Man hat gerne Farbe gezeigt, und auch da schwankt es nach oben beinahe ohne Grenze. Es gibt für den Dörfler gut umsetzbare Farben, aber auch welche, die unerreichbar waren. Wie solche Dinge wie Purpur, um mal ein Extrem zu nennen.
Das Färben von Stoffen, ist ein aufwendiges Thema. Viele Naturprodukte eignen sich zum Dauerhaften Färben von Stoffen. Wie z.b. Krapp für Rot, oder Eisensut zum schwärzen von Leder. Andere Naturmaterialen eignen sich dafür wieder nicht, auch wenn gewisse Fruchtsäfte oder ähnliches, auch heute noch schnell mal für nervige starke Flecken in der Kleidung sorgen. Diese Farbe bleicht doch schnell wieder raus, oder wäscht sich fix aus dem Stoff.
Wen das Thema, wie welche Farbe erzeugt wird tiefer interessiert, kann ich den Bericht der "I G 14" ans Herz legen.
https://wh1350.at/de/geschichte/pflanzenfarbung-im-mittelalter-teil-1/
Dort wird das Thema ausführlich erklärt.
Die deutsche Kleidung im 15ten Jahrhundert, machte erhebliche Veränderungen mit. Das gesamte Erscheinungsbild änderte sich drastisch. Die gewünschte Silhouette wurde immer Körper betonender, die Oberkleidung immer kürzer. Geschlossene Hosen, anstelle der für das vorhergegangene Mittelalter typischen Separaten Beinlinge kamen wieder, und Dinge wie das Unterhemd durften gerne mal durchblitzen.
Wir beschränken uns im Nachgang auf die Kleidung des Mannes, darin gefasst ist auch das tägliche getragene Zubehör, in Form von einem Gürtel, oder die Schuhe, usw.
Auf den sechs Bildern lässt sich gut der ganz Grobe Werdegang der Kleidung Rund um die zeit 1450 erkennen. Ist die Kleidung 1420 noch deutlich über dem Knie, und das Oberkleid mit sehr viel in Falten gelegtem Stoff geschneidert, ändert sich das. Der Rock wird immer kürzer, eine frontale Knüpfung wird gebräuchlich, und der Oberkörper bis zur Taille liegt schon sehr Körperbetonend eng an. Die geknöpfte Jackenartige Oberkleidung, verschwindet dann zunehmend als Hauptkleidungsstück, und ein Wams, welches absolut der Körperform folgt, wird zum neuen chic. Auch wird die Hose nun endgültig im Schoß geschlossen, und bildet mit dem Wams eine Einheit. Man kann also sagen, dass das Jahr 1450 genau auf einer modischen Kreuzung liegt. Zwischen dem "alt Hergebrachten" langen Gewand, und junger frischer, neuer Mode welche den Weg aus Süddeutschland kommend, auch schnell hoch zu uns nach Westfalen fand.

Manuskript für Louis de Guyenne,
Flamen 1420 ca.

Kreuztragung Christi, Lorch am Rhein
Rheinland, 1425

Zwölfbrüder Stiftung, Nürnberg 1430

Enthauptung der Heiligen Katharina,
Meister des Friedrichsaltar, 1450, Wien

Enthauptung des Heiligen Georg, Friedrich Herlin, Süddeutschland 1462

Meister der Lyversberger Passion: um 1464, Köln
Aufgrund von meinen Verfügbarkeiten weicht meine im nachfolgenden versuchte Klediungsrekonstruktion, von dem originaler Mittelalterlicher Kleidungserzeugnisse ab. Genauer: Der verwendetet Wollkörper, Webart des Stoffes und die endgültige Färbungsvariante sind betroffen. Als Referenz für das jeweilige Kleidungsstück, hält ein Beispielbild her.
Fangen wir oben an, auf dem Kopf.
Mützen und Hüte, gibt es in der Zeit in Hülle und Fülle. Entschieden habe ich mich für solch eine Schlauch oder auch Sackmütze.
Nicht die erste Wahl fürs arbeiten, schon gar nicht in der Sonne. Dafür gab es Strohhüte.
Aber für den Sonntäglichen Ausgang, sehr modisch. Das Futter der Mütze ist farblich abgesetzt.

Billerbecker Altar, Meister von Schöppingen. 1450 (Bild: Andre Nürenberg)

Weiter geht es mit der Gugel.
Ein äußerst praktischer, die Schultern bedeckender Überwurf mit Kapuze und oft einem Zipfel, welcher in der Zeit gerne auch lang sein durfte.
Meine Gugel hat einen gezaddelten Rand, was einfach nur eine optische Aufwertung bezweckt. Zusätzlich ist sie auch mit Leinen gefüttert.

Altar der sieben Sakramente (Rogier van der Weyden) 1450 ca

Kommen wir nun zum Oberkleid. Die Haupt Inspiration ist das Gemälde vom Friedrichsaltar, wie oben in der Bildfolge zu sehen.
Auf dem Billerbecker Altar erkennt man aber nochmal schön die saftige Farbe und die auffällige zweier Knöpfung, welche typisch für die Zeit um 1450 und fortlaufend war.
Der Oberkörper liegt betonend an, und der Rock hängt etwas ausladend und endet über dem Knie.

Billerbecker Altar, Meister von Schöppingen. 1450 (Bild: Andre Nürenberg)

Inspiration für die Hosen habe ich mir durch viele Buchmalereien geholt, welche Arbeitende Menschen zeigen. Ich habe mich für separate Beinlinge mit angesetzten Füßling entschieden. Egal bei welche Tätigkeit auf dem Dorf, war der Anblick herunter gerollter Beinlinge fast schon der Standard. Beim häufigen Bücken stören Beinlinge nicht so arg wie die genestelten Hosen und durch das fixe herunterrollen sind auch hohe Temperaturen besser erträglich. Meine Beinlinge schließen bis hoch zum Wams und lassen nur den Schritt frei. Würde man zu der Zeit modisch absolut vorne mit dabei sein wollen, würde man natürlich zu der geschlossenen Hose wechseln.


Fangen wir mit dem ersten Beschlagenen Teil der Kleidung an.
Dem Gürtel.
Ich habe mich für diese sehr typische Doppelschnallenform entschieden, zusammen mit in Messinghülsen gefassten Gürtellöchern. Dazu eine schlichte Gürtelzunge, welche das Ende des Gürtels sauber abschließt.
Diese Art von Gürtel, vor allem mit den Buntmetall Einsätzen in den Gürtellöchern, findet sich auch Regional für uns auf dem "Daruper Altar", in Darup. (Siehe Startseite)

Die Ermordung des Moabiterkönig Eglon durch Ehud. Gabriel Angler um 1440, Süddeutschland
(Bild: Matthias Goll)

Als Gürteltasche nutze ich, eine in ihrer Form bewährte "Nierentasche".
Diese taschenform ist seit dem 14ten Jahrhundert gebräuchlich. Sie wird mit einer Schnalle und einem Riemen geschlossen, welcher zusätzlich die kleine Abdeckung in Position hält.
Diese Taschen gibt es in vielen Varianten, welche in ihrem Aufbau abweichen, aber in der Form ähnlich bleiben. Meine Variante hat z.B. keinen umlaufenden Riemen oder in der Tasche seperate "Beuteltaschen", sondern bildet ein großes Fach.

Gürteltasche, Bodenfund aus Eibergen/NL
Mitte 15. Jhd.
(Bild: collectie.boijmans van Beuningen )

Abschließend die Schuhe.
Die Form der Schuhe, mit ihrem Schlitz vom Spann hoch zum Knöchel, welcher manchmal mit nur einem Riemen und Schnalle geschlossen wird, findet sich quer durch das Reich. Sogar bei uns Regional, wie auf den erhaltenen Altären in Schöppingen oder dem Billerbecker Altar zu sehen. Die Schuhe durften gerne, je nach Gesellschaftlichen Stand, vorne teilweise sehr Spitz und lang zulaufen. Für den Dörflichen Handwerker, habe ich darauf verzichtet.
Wichtig: Die Schuhe wurden im Wendenäh Verfahren Hergestellt, und verfügten nur über eine dünne Ledersohle. Ein verschleiß von bis zu einem Paar Schuhe pro Monat, war nicht unüblich für den arbeitenden Menschen. Natürlich wenn nötig, konnten die Schuhe gerne geflickt werden. Trotzdem konnte man das Schuhwerk fast schon als Wegwerfartikel sehen, da dass Leder bei täglicher Nutzung irgendwann einfach durch war.

Billerbecker Altar, Meister von Schöppingen. 1450 (Bild: Andre Nürenberg)

Als Optionalen Zusatz und eigentlich eine Waffe, kommt der Dolch an die Reihe. Wegen der Verwendung auch im Zivilen als Accessoire, bekommt er seinen Platz hier bei der Kleidung.
Um 1450 kann man aus einer Vielzahl von Dolcharten wählen, um diese am Mann zu tragen.
Aus dem Militärischen Bereich übernommen wird gerne der Scheibendolch getragen, oder wie in meinem Fall ein Nierendolch. Dieser hat seinen Ursprung schon im 14ten Jahrhundert, wird aber in seiner Art bis in das 16te genutzt. Getragen wurde er frei hängend, oder auch gerne mal zwischen den beiden Taschenösen am Gürtel getragen. Mein Nierendolch ist sehr einfach gehalten, lediglich mit einer Metallscheibe am Knauf, um das Vernieten der Klinge mit dem Griff zu ermöglichen.

Auswahl von Dolchen, aus dem Stadtmuseum Rothenburg , Rothenburg ob der Tauber.
(Bild: Andre Nürenberg)

Detail der Karlsruher Passion, die Gefangenname Christi. 1450, Hans Hirtz, Oberrhein

Als Abschluss der täglichen Ausstattung, kommen nun die Trippen an die Reihe.
Trippen sind Hölzerne Unterschuhe, in welche man einfach mit seinen Regulären Schuhen reinschlüpfen konnte.
Um die Abnutzung der Schuhe auf gepflasterten Wegen zu reduzieren, sowie die Füße vor der Kälte durch Steinböden oder gefrorenen Erdboden zu schützen, begleiten uns solche Trippen durch das gesamte Spätmittelalter und darüber hinaus. In Form vielfältig, angepasst auf den Schuh und Fuß des Trägers.

Detail von Trippen aus dem Gemälde: Arnolfini Hochzeit, Jan van Eyck, 1434
Trippen Detail, Joos Van Cleve, um 1500



Hier bin ich in der vollständigen Kleidung, welche oben nach und nach vorgestellt wurde


Kleiner Nachtrag zu den Hosen/Beinlingen:
Als Unterkleidung dient mir eine Art Wams/Weste, welche am unterem Saum Nestellöcher hat, an welchen ich die Beinlinge befestigen kann.