Die Wehr und Rüstkammer
Klobige Rüstungen? Unbewegliche Kämpfer? Waffen die behäbig agieren und scheinbar 20KG wiegen?
Alles absoluter Quatsch. Wir schauen uns nachfolgend die Rüstungen welche in Westfalen zur Zeit 1450 üblich waren, an.
Einmal das Extrem in die eine, voll gerüstete Ritterliche Figur und einmal in die des normalen Waffenknechts, welcher zur Zeit der Fehde das normale Soldaten Bild gewesen ist.
Direkt um mit dem Mythos "Unbeweglichkeit in Rüstung" auf zu Räumen, lasse ich am besten einen Film für sich sprechen. In diesem Youtube Video von dem Kanal "Medievalist" wird das im 15ten Jahrhundert aufgeschriebene Trainingsprogramm eines Französischen Ritters nachgestellt.
https://www.youtube.com/watch?v=q-bnM5SuQkI
Und hier sieht man sehr schön, neben der Beweglichkeit auch Kampfpraktiken in Rüstung des mittleren 15. Jhd. Der Name des Kanal ist "Le Fiagaro".
https://www.youtube.com/watch?v=5hlIUrd7d1Q&list=PLxA06i9xkYK6RA2fEbNMEHLl0A3XbQWsG
Oder hier, von dem Kanal "Dequitem" (Achtung, das ist schon etwas derber was dort zu sehen ist)
https://www.youtube.com/watch?v=SNpHMKwjIdM
https://www.youtube.com/watch?v=wmaM-_pAkVE
Die Rüstungen die dort zu sehen sind, entsprechen zwar nicht dem deutschen Standard einer Rüstung um 1450, aber die Beweglichkeit darin lässt sich genauso gut in das Reich übertragen, ansosnten sind die gezeigten zeitlich gut passend für den Rest Europas.
Und hier gibt es noch einen schönen Beitrag vom SWR, über Herrn Dr. Peter Müller. Einer der namenhaftesten deutschen Plattner, fertigt in dem Video eine Brustplatte, allerdings wesentlich später für das 16te Jahrhundert, bzw. nicht mehr repräsentativ für die Zeit auf die wir uns hier konzentrieren.
https://www.youtube.com/watch?v=5RGZFukteDw
Dazu muss ich hier deutlich ein Buch nennen, was alles im Bezug auf Rüstung und Wehrfähigkeit besser behandelt, als ich es hier jemals niederschreiben könnte. Und zwar durch alle Stände hin durch. Autor: Matthias Goll
Wer sich weiter mit dem Thema befassen möchte, dem kann ich dieses Buch nur absolut ans Herz legen.
Vorab noch: Rüstungen sind immer ein Tausch zwischen Schutz und Beweglichkeit. Vom Helm bis zum Bein, jedes Rüstungsteil bedeutete mehr Belastung für den Körper. Daher setzte man alles daran, die Rüstungen möglich anatomisch angepasst zu fertigen, um so wenig einzuschränken wie Möglich. Volle Harnische waren daher Maßangefertigt auf den Besitzer, um die Bewegungen des Trägers 1:1 mitmachen zu können. Dazu wurden Rüstungen penibel gepflegt und gewartet. Verkommene oder Verrostete Ausrüstung im "usedlook" ist Unsinnig und ein Marktmythos.
Das wesentlich zu vielschichtige Thema, Rüstung im Heiligen Römischen Reich um 1450, werde ich nur grob ankratzen. Dem Thema kann ich hier auf dieser Seite gar nicht gerecht werden, möchte aber einen groben Überblick geben.

Heiliger Patroklus, Soest 1449
(Bild: Andre Nürenberg)

Detail aus Sabobai und Benaja von Konrad Witz aus dem Jahr 1435

Buchmalerei aus Speculum Humanae Salvationis, ca. 1427 Österreich

Kreuzigung Christi (1449), Conrad Laib, Salzburger Franziskanerkirche

Wurzacher Altar, 1437, Hans Multscher

Detail Linker Flügel vom Genter Altar. Jan van Eyck 1435
Als Überbegriff für die Rüstungsform, vorallem dem Harnisch oder Zeitgenössisch als "Krebs" bezeichnet , muss man die Kastenbrust nennen.
Aus der Europaweit einheitlicheren Kugelbrust um das Jahr 1400 entstehend, hat sich für Deutschland diese deutlich kantigere Brustplatte entwickelt.
So ab 1425 war die Kastenbrust da, wo man ihrer Charakteristische Form voll erkennen kann.
Wie unten in der Buchmalerei zu sehen. Noch mit viel Ringpanzergeflecht und einem deutlichen Turnierhelm versehen, welcher so nicht im Feld geführt wurde.
Ringpanzer? Ja, das Kettenhemd.
Ein Gemisch aus vernieteten und gestanzten oder Feuer verschweißten Metallringen, welche eine gute Kombination aus Schutz und Beweglichkeit boten. Das Geflecht wurde gerne an stellen genutzt, wo Plattengeschübe noch nicht weit genug entwickelt waren.
-> Wichtig Ein Kettenhemd hat niemals so ausgesehen, wie es einem gerne auf einschlägigen Märkten oder sonstigem präsentiert wird. Nur gebogene Ringe, am besten noch verzinkt, sind Quatsch und bieten keinen Schutz.
Bewegen wir uns dann aber auf unsere Zeit um 1450, reden wir von einem vollen Plattenharnisch, wo es gut und gerne keine offensichtliche Öffnung in dem Metallpanzer mehr gab.
Der zugehörige Tonnenrock, zusammen mit der teilweise Spiegelhochglanz Politur, bot einen beeindruckenden Anblick. Bei Adeligen oder ebenso reichen Soldaten.
Auf den anderen Beispielen rundherum, erkennt man gut wie das obere Feld an Rüstungsträgern aufgelaufen ist.
Bei der Schlacht um Varlar dürfte dieser Anblick deutlich in der Minderheit gewesen sein.
Allerdings stellt die Mitte des 15ten Jahrhundert, ähnlich wie bei der Kleidung, wieder einen Scheideweg bei der Rüstungssprache in Deutschland da. Langsam weg von der Kastenbrust, welche ihre Form spekulativ davon hat, dass man auf der Brust so besser eine Tratsche (Kleiner Schild, welcher fest auf der Brustplatte sitzt) ablegen konnte, hin zu dem spätgotischen Harnisch. Wie zu guter Letzt unten in einem Beispiel gezeigt.

Erhaltene, prachtvolle Rüstung vom späteren Kaiser Maximilian I. 1480
Bildrecht:
Kunsthistorisches Museum Wien, Hofjagd- und Rüstkammer
Rüstung
Kommen wir nun zu der wesentlich wahrscheinlicheren Rüstung unseres Dorfbewohners.
Anders als in Städten, wo der Stand des Bürgers verknüpft war mit Pflichten was die persönliche Rüstung anging, gab es das in dieser Form nicht auf dem Dorf. In der Stadt musste man je nach Bürgerrecht/Stand/Einkommen, einen gewissen grad an Wehrfähigkeit stellen. Das ging über einfache persönliche Ausrüstung wie Spieß und Krebs bis hoch zu mehreren Sätzen Rüstungen und Waffen. Wie so vieles, von Stadt zu Stadt in der genauen Ausführung unterschiedlich.
Auf dem Dorf musste eher die Dorfgemeinschaft eine Anzahl Soldaten sowie Ausrüstung zur Verfügung stellen. Daher kann die Anschaffung und Instand Haltung der nötigen Ausrüstung als Gemeindeaufgabe gesehen werden.
Plausibel und auch wahrscheinlich deckend für das Hauptsächliche Bild was einem bei der Schlacht von Varlar begegnet wäre, hätte so aussehen können:
Der Helm dürfte ein Eisenhut gewesen sein, rundherum tiefgezogen, wahlweise mit Sehschlitzen in der Krempe, oder einen, als Nasal tiefgezogener Mittelsteg.
Das ganze bei Bedarf mit einer Ringpanzerhaube abgerundet oder sogar noch einem eigentlich veralteten, aber durchaus noch gebräuchlichen ganzen Ringpanzerhemd. Dieses kann dann gerne aufgerüstet werden mit der schon bekannten Kastenbrust, oder einem Steppwams.
Für das Steppwams wurden mehrere lagen Leinen übereinander gelegt und vernäht. Dazu hat man "Röhren" ausgeformt und stramm mit z.B. Rosshaar gestopft. Die so entstandene Textilrüstung war Steif und schützte Prima vor Schnitte und Stößen und war in Kombination mit einem Ringpanzerhemd eine solide Rüstung für den gesamten Oberkörper.
Hentzen oder Plattenhandschuhe, dürften das Gesamtbild abrunden. Vollständige Armrüstungen, oder sogar Beinrüstungen, dürften wir für unseren Kontext vergebens suchen.
Das Bild aus der Nürnberger Bilderhandschrift, zeigt sehr gut eine theoretische Rüstungsbestellung für unseren Dörflichen Soldaten. Auf dem Bild wird ein Helm poliert, auf dem Tisch liegt Kastenbrust und Hentze.
Sollte meine Private Rüstungskammer auf Dauer Rekonstruktionen von Rüstung beinhalten, werden diese natürlich nachgereicht ;)

Wurzacher Altar, Detail, 1437, Hans Multscher

Kreuztragung Christi, Lorch am Rhein, Rheinland, 1425

Kreuztragung Christi, Meister der Karlsruher Passion, 1450

Steppwams, Hansetormuseum Lübeck
1440
(Bild: Andre Nürenberg)

Steppwams, Hansemuseum Lübeck
Mitte 15 Jhd.
(Bild: Andre Nürenberg)

Rüstungspolierer, Nürnberger 12 Brüderschaft. 1435

Mein Eisenhut. Er besteht aus 2mm Stahl oben am Grat auf der Kalotte. Runter zur Krempe verdünnt es sich auf ca. 1,5mm Material. Die Oberfläche ist poliert, um den Helm vor Rost zu schützen. Im Inneren ist eine Helmspinne eingesetzt welche sichtbar durch die Rundumlaufenden Nieten am Helm fest gemacht ist. Sie ist aus Leder und dient dazu, den Helm auf dem Kopf zu fixieren, genauso wie der Kinnriemen.

Steppwams sichtbar am Rücken auf einer St.Georg Stature, ca 1430. Schnütgen Museum, Köln
Meine Kastenbrustplatte wurde aus 2mm Stahlblech hergestellt, welches sich zu den Seiten hin auf ca. 1,mm verjüngt. Vorlage dafür waren diverse Brustplattendarstellungen, wie diese aus Lorch.
Diese Brustplatte dürfte für die Schlacht von Varlar etwas veraltet sein, allerdings in dem Dörflichen Umfeld noch mehr als Genug vorhanden sein. Ebenso wurden damit die wehrdienstlichen Anforderungen genug erfüllt.
Wer es sich allerdings leisten konnte, hätte definitiv etwas moderneres getragen.



Waffen
Das kann ich mir bei diesem Thema nicht nehmen lassen:
Kreuztragung Christi, Meister der Karlsruher Passion, 1450. Die bekannte und teilweise mit künstlerischen Freiheiten ausgestattet Malerei wo diverse Stangenwaffen zu sehen sind, welche nicht alle vollkommen Realistisch sind.


Für den dörflichen Kontext, habe ich mir einen Spieß entscheiden. Welcher ein ca. 50cm langes Speerblatt hat, und ca. 2,3m Lang ist.
Der Schaft besteht aus gedrechselter Esche.
Als Nebenwaffe ein Großes Messer. Großes Messer?
Damit sich der Adel in der Zeit, von der immer wohlhabenderen und erstarkenden Mittelschicht absetzen kann, wurden Verbote erlassen. Sehr allgemein gesprochen, kann das in verschiedenen Zuständigkeitsgebieten abweichen.
Darunter auch der Erlass, dass Bürger oder Stadtbesucher, keine Schwerter offen tragen dürfen. Da das Schwert zu der Zeit, schon lange keine Hauptbewaffnung mehr war, sondern eher das Sinnbild für den Adel oder den Ritterstand darstellte, wollte man das Ansehen eine solche Waffe zu tragen, nicht der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.
Um trotzdem auf diese effektive Seitenwehr zurückgreifen zu können, umging man diese Auflage, durch die Idee des "Großen Messers". Die teilweise Schwertartige Waffe, hat eine auf die Klingenangel genieteten Griff, wie bei einem Messer und oftmals nur eine Schneide. Versehen mit Parierstange und seitlich hervorstehenden Pariernagel, bildete das Messer eine lang präsente, wendige und Effektive Nebenbewaffnung.
Die Ausführung davon gibt es in fast allen erdenklichen Arten und Längen.
Gerne im Volksmund auch als "Bauernwehr" bezeichnet, wurde außen an der Waffenscheide teilweise sogar Werkzeug oder Besteck eingesetzt, wie oben auf dem Beispiel zu sehen.
Kreuztragung Christi, Meister der Karlsruher Passion, 1450.
Kupferstich von Israhel van Meckenem, 1465, Bocholt


Mein Spieß aus Esche und der Aufgesetzten Spitze
Ein Sammelsurium an Bauernwehr Funden. Durch das sehr hohe aufkommen dieser Waffenart, gibt es tatsächlich quer durch das deutschsprachige Gebiet eine Vielzahl von erhaltenen Funden. Woran man auch schön die Vielfalt der Ausführungen sehen kann.

Meine Bauernwehr. Das Heft (Griff) ist aus Wallnuss, mit Pariernagel, ohne Parierstange. Die Klinge ist gehärtet und mit ca. 50 cm gut Alltagstauglich ohne zu stören. Außen sind ein kleines Essmesser und ein kleiner Spieß in der Scheide eingelassen. Der Grünton vom Leder der Scheide wurde mit einem Grünspan-Alkohol Gemisch erreicht.



Hier in Rüstung.
Kastenbrust, Helm und bäuerlichen Waffen.
Als Kleidung dient mir hier eine Schecke, eine Art Jacke sozusagen. Aus dickem Wollstoff gefertigt.

